Re: Blue Holes, Backroads und Buschbrände - Florida und Bahamas 2026
Verfasst: 20 Jun 2026 12:49
Während der Mister das Hotel und die nähere Umgebung erkundet, wage ich mich schon ein bißchen weiter hinaus. Aber gemessen an der schieren Größe Nassaus ist der Bereich, der für Touristen als komplett gefahrlos zu besuchen beschrieben wird, immer noch ziemlich klein.
Windig ist es in Nassau:

Man hat, wenn man sich an den Angaben der Reiseführer und des Internets orientiert, von unserem Hotel aus eigentlich genau drei Möglichkeiten. Entweder man marschiert nach Westen vorbei am Junkanoo Beach, dem beliebten öffentlichen Strand Nassaus, vorbei zum großen Food-Market, den unser Taxifahrer uns empfohlen hat.
Oder man biegt hier an der Kreuzung nach rechts ab. Den Hügel hinauf gibt es ein paar relativ touristische Straßenzüge mit vermutlich vergleichsweise authentischen bahamesischen Einrichtungen. Rum-Distillerien, Zigarrenfabriken, Herbal Teas. Außerdem die Nationalgalerie der Bahamas und das Junkanoo-Museum, in dem man sich über das Herzstück bahamesischer Kultur informieren kann.

Oder man biegt nach links ab, in Richtung Cruise Port und läuft entlang der nicht ganz so authentischen Souvenirmeile gegenüber vom historischen Straw Market, wo man vom Kühlschrankmagneten bis zum T-Shirt jedes nur erdenkliche Souvenir bekommt.

Egal, für welche Richtung man sich entscheidet, es ist immer nur wenige Blocks weit, die man in die Stadt vordringt, denn es gibt eine Grundregel für Nassau, und daß diese auch tatsächlich ernst genommen wird, werde ich an diesem Tag mehrmals erfahren: Don’t go over the hill!
Wer unsere Reiseberichte bis jetzt verfolgt hat, wird vielleicht annehmen, daß ich dem Viertel mit den Museen und den Rum-Distillerien den Vorzug gebe, aber tatsächlich wähle ich die Route hinunter zum Hafen und in die Souvenirmeile mit ihrem Kitsch und Tand.
Das hat zwei Gründe. Zum einen möchte ich tatsächlich ein bißchen Kitsch kaufen, ein Kühlschrankmagnet ist sowieso ein Muß. Aber wer erinnert sich noch an die T-Shirts mit dem „It’s better in the Bahamas“-Aufdruck, mit denen früher glückliche Bahamas-Touristen nach Hause kamen? So eins will ich unbedingt auch.
Aber wichtiger ist, daß sich hinter der Souvenirmeile in der Bay Street die historische Downtown mit ihrer Kolonialarchitektur des 18. und 19. Jahrhunderts anschließt und man sowieso in diese Richtung muß, um zur Queens Staircase zu kommen.
Mein Versuch, nach links aus dem Hotelgelände auf die Straße zu treten ist aber erstmal überhaupt nicht von Erfolg gekrönt. Vor dem Hotel bewegt sich auf den überall in der Stadt sehr schmalen Fußwegen eine endlose Abfolge von Menschen im Gänsemarsch nach rechts. Man muß kein Hellseher sein, um zu erkennen, daß das Kreuzfahrer sind, die den Tag am Junkanoo Beach verbringen wollen, der vom Hafen aus gesehen hinter dem British Colonial liegt und um daß sie somit einmal herum müssen. Behängt mit Taschen und aufblasbarem Strandzeugs, zumeist ein oder zwei Kinder im Schlepptau, marschieren sie mit vor Vorfreude leuchtenden Gesichtern zügig am Hotel vorbei. Wir behalten dieses Bild mal bis heute Abend im Hinterkopf…
Es dauert tatsächlich über eine Minute, bis sich in der Karawane eine Lücke auftut. Die Zeit nutze ich, um sicherheitshalber das Transponder-Armband mit British Colonial Emblem, mit dem man hier die Türen und Fahrstühle bedient, vom Handgelenk zu friemeln und in der Tasche verschwinden zu lassen. Ich bin zwar nicht übermäßig ängstlich was Nassau betrifft, aber man muß ja auch nix provozieren.
Gleich am Anfang der Bay Street das Museum of Slavery and Emancipation, das ich zwar nicht besuche, das aber eigentlich schon aufgrund seiner Bezeichnung interessant ist. Denn die Geschichte der Abschaffung der Sklaverei auf den Bahamas unterscheidet sich von der anderer Länder und hat – auch wenn das zunächst makaber klingen mag – fast schon eine humoristische Note.

Bis zur Boston Tea Party waren die Bahamas ein verschlafener Haufen staubiger Inseln, auf denen ein paar aus England eingewanderte Pflanzer versuchten, dem Boden etwas abzuringen. Mit Beginn des Unabhängigkeitskrieges änderte sich das und ein wahrer Run britischer Loyalisten aus den amerikanischen Kolonien auf die Bahamas setzte ein.
Nicht nur daß diese, die zum Teil große, ertragreiche Plantagen in den Südstaaten aufgegeben hatten, lernen mußten, daß der Boden der Bahamas bei weitem nicht gut genug ist, um große Pflanzungen gewinnbringend zu betreiben. Auch das mit der Sklavenhaltung klappte überhaupt nicht so wie erwünscht. Schon 1807 kam es in England zum Slave Trade Act und zur Freilassung aller nach diesem Zeitpunkt aus Afrika verbrachten Sklaven. Diese gingen somit nach Ankunft der Schiffe im Zielland nicht mehr in den Besitz eines Ankäufers über, sondern wurden als freie Menschen im Land aufgenommen. Was zu der unangenehmen Situation führte, daß parallel im Land freie schwarze Menschen neben Sklaven lebten. Konflikte und regelmäßige Aufstände blieben somit nicht aus und 30 Jahre später kam es dann in allen britischen Kolonien zur vollständigen Abschaffung der Sklaverei.
Mehrere Jahrzehnte eher als in den inzwischen unabhängigen amerikanischen Kolonien also. Dumm gelaufen für die Pflanzer, die, wären sie in Amerika geblieben, noch dreißig Jahre länger ihren Lebensstil hätten aufrecht erhalten können. Ein wahrer Treppenwitz der Geschichte.
Nachdem ich in drei T-Shirt- und Flipflops-Läden nach T-Shirts mit Aufdruck gefragt habe, muß ich feststellen: Der Slogan „It’s better in the Bahamas“ ist out. Schade, aber nicht zu ändern.
Die Auswahl an Geschäften ist enorm, die Billig-Klamottenläden teilen sich den Straßenzug mit Luxusmarken, in denen sich auch tatsächlich einige Kundschaft tummelt. Schmuck, Parfümerien, Markenboutiquen.
Was ich auch nicht bekomme, ist Steel Drum Musik. Eigentlich sollten hier unter den Arkaden vor den Shops Live-Musiker anzutreffen sein, aber leider nicht heute, vielleicht, weil Sonntag ist. Auch ich höre, genau wie der Ehemann, Steel Drum Musik nur vom Band aus dem Lautsprecher, entweder hier oder auf dem Klo in der Lobby des British Colonial.
Na gut, dann gibt’s als musikalische Untermalung zum Thema Nassau eben ein bißchen Calypso:
https://www.youtube.com/watch?v=dDkjFc6 ... rt_radio=1
Als ich die Shoppingmeile einmal abgelaufen habe, schlage ich mich seitwärts in die Stadt, von jetzt an geht es immer leicht bergauf, Richtung des Höhenzugs, der die Stadt einmal in Go und in Nogo-Area teilt.

Ein paar verfallene Häuser und Ruinen gibt es auch hier,

aber der größte Teil der Häuser ist sehr gut erhalten und gepflegt.

Ab jetzt sind kaum noch Touristen zu Fuß unterwegs, eigentlich nur noch Einheimische, die aus verschiedenen Gründen Schlips und Kragen tragen.


Und für Sicherheit ist gesorgt. Die vorherrschenden Farben in Nassau sind rosa, hellblau und türkis. Selbst hier.

Während ich die Parlamentsgebäude fotografiere, werde ich von einem Ehepaar angesprochen, die gegenüber das Olde Nassau Café betreiben.

Von welchem Schiff kommst du, fragt er mich. Die Frage erscheint berechtigt, denn egal von welchem Punkt aus, die historische Downtown wird von den Schiffen überall überragt.

Von keinem, sage ich, wir wohnen im Hotel und bleiben zwei Nächte, damit wir ein bißchen Nassau anschauen können. Das freut ihn, Nassau sei schön und er findet es schade, daß die meisten gar nicht über die Bay Street hinauskommen. Wo wir danach hinfahren, fragt er, Exumas, Schwimmen mit Schweinen? Auf gar keinen Fall, antworte ich, wir gehen nach Andros, Wandern und Schnorcheln.
Na, jetzt sind sie ja beide völlig aus dem Häuschen. Wobei seine Frau keinen Ton von sich gibt, aber mit Kopfnicken quasi Ausrufezeichen hinter alles setzt, was er zu deklamieren beginnt.
Die größte Insel der Bahamas! Zwanzig mal größer als New Providence, ob ich das gewußt hätte?!! Wußte ich nicht.
Kaum erschlossen, dünn besiedelt und so gut wie kein Tourismus!!! Wußte ich.
Mehr Blue Holes als sonstwo auf der Welt!!! Wußte ich auch.
Landschaftlich wun-der-schön!!! Das werden wir hoffentlich bald wissen.
Sie wünschen mir ganz viel Spaß und daß mir Andros so gut gefällt wie ich erhoffe. Wäre ihr Café schon geöffnet, wäre ich direkt mal auf einen Kaffee geblieben, der Laden sieht gemütlich aus. Aber eigentlich habe ich keine Zeit und noch viel vor.
Neben dem Parliament Square die Bibliothek der Bahamas, rosa wie die Parlamentsgebäude, eine Rotunde mit Kuppel und umlaufender Veranda. Wunderhübsch von außen und sicher auch von innen, aber heute ist ja Sonntag und so komme ich nicht hinein.

Dies ist ein Foto von der Rückseite. Daß es keins von der hübscheren Vorderseite gibt, liegt daran, daß der Blick auf das Haus komplett durch eine Hochzeitsgesellschaft versperrt ist, die sich im Garten vor dem Eingang die Zeit mit Posieren und Fotografieren vertreibt.
Eigentlich, so nehme ich an, ist ihr Ziel die direkt nebenan gelegene Baptistenkirche, ein gewaltiger Bau mit großer Freitreppe, auf der sich gerade die letzte Versammlung aufzulösen beginnt, eine Trauergesellschaft.

Die Damen sind dressed to the nines, klassische Eleganz vorherrschend, egal ob nun in schwarzer oder weißer Kleidung. Etuikleider, doppelreihige Perlenketten; an Kopfbedeckungen ist vom winzigen Fascinator bis zum Hut in Wagenradgröße alles vertreten. Man könnte sie alle nehmen und auf die Haupttribüne von Ascot beamen, sie wären optisch genau am richtigen Platz.
An der Kirche vorbei geht es weiter den Hügel hinauf zur Queens Staircase. Es ist nicht der direkte Weg, sondern mit einmal Abbiegen verbunden, von hier aus aber der kürzere. Würde man die Abzweigung verpassen und weiter geradeauslaufen, käme man dorthin, wo man nicht hin soll, nämlich over the hill. Ich bin noch nicht weit gegangen, als ich erneut angesprochen werde, diesmal von einem Vater mit zwei kleinen Jungs im Schlepptau.
Hey, fragt er, wohin bist du unterwegs? Queens Staircase, sage ich. Das geht da vorn nach links rein, meint er, nicht weiter geradeausgehen, ok?
Oha, denke ich im Stillen, an der Sache mit „over the hill“ ist hier aber definitiv etwas dran, und bedanke mich. Ich wußte zwar, wo ich lang muß, schätze die Fürsorge aber trotzdem.
Bevor man die berühmte Treppe erreicht, passiert man den Parkplatz, auf dem vermutlich sämtliche Reisebusse der Bahamas gleichzeitig Platz finden würden. Die Queens Staircase ist die meistbesuchte Sehenswürdigkeit und offenbar kommen die wenigsten Leute zu Fuß hier herauf.
Dahinter auf der Anhöhe des Bennet‘s Hill (also dem berüchtigten „Hill“), liegt das Fort Fincastle, gebaut im späten 18. Jahrhundert als Schutz vor Piratenüberfällen.

Das Fort ist schon lange geschlossen und kann nicht von innen besichtigt werden, aber die Kanonen stehen dort und man hat einen tollen Blick hinüber nach Paradise Island.

Wenn man auf der anderen Seite nach Süden hinunterblickt geht es also in jeder Hinsicht sprichwörtlich abwärts. Das sind also die Viertel over the hill. Ich kann so aus meiner Perspektive hier gar nichts Bedrohliches erkennen, weiß aber auch nicht, was ich zu sehen erwartet habe. Weder stehen hier halb verfallene Wellblechhütten, noch sitzen Menschen, denen die Crackpfeife aus dem Mund oder die Nadel im Arm hängt, vor offenen Lagerfeuern. Ich sehe nicht mal Müll herumliegen. Eigentlich sieht es friedlich und still und ganz ordentlich aus, aber das wird täuschen. Vermutlich ist die ganze Gegend hier Gang-controlled. Es wird schon etwas dran sein an der Warnung des Vaters vor ein paar Minuten.

Von hier oben kann man auch schon in den ehemaligen Steinbruch hineinschauen, aus dem man später die Treppe zu Ehren Königin Victorias herausgeschlagen hat.

Im Steinbruch selbst ist es viel schöner, als ich erwartet habe. Trotz der Menschenmassen.

Am Eingang bieten Guides ihre Dienste an und manche Besucher nehmen das auch in Anspruch. Auch einen selbsternannten Fotografen gibt es, dessen Dienstleistung darin besteht, mit dem eigenen Handy des Touristen Fotos von ihm und seinen Begleitern zu machen. Die Gesichtsausdrücke, mit denen die Besucher auf die ausgestreckte Hand, mit der er zur Herausgabe der Smartphones auffordert, reagieren, sind der Brüller. Natürlich bekommt er kein einziges Handy, und wenn er weitergeht, hört man die Leute leise murmeln, ob er sich wohl ernsthaft einbilde, man wolle ihn dann damit rennen sehen?

Ich bleibe eine Weile hier, setze mich neben den Wasserfall und genieße die Verdunstungskälte. Es ist wie in einem Gewächshaus, nur ohne Glasdach. Die mit Moosen und Farnen bewachsenen Wände des Steinbruchs geben einen Geruch ab, den man einfach nur als „grün“ bezeichnen kann. Manche würden es vielleicht auch muffig nennen.

Nachdem ich mich ein bißchen ausgeruht habe, nehme ich die Treppe in Angriff. Mit mir unterwegs ist eine Gruppe US-Amerikanerinnen, die oben angekommen genauso fertig sind wie ich.

Die Treppe ist viel steiler als sie aussieht und wir stehen oben und ringen gemeinsam nach Atem und amüsieren uns über unsere fehlende Fitness.
Bevor ich da wieder runtersteige muß ich unbedingt etwas trinken. Verkaufsstände gibt es genug, überall sitzen einheimische Frauen und verkaufen bahamesische Limonade. Ich kaufe eine Flasche und während ich die trinke, spaziere ich ein bißchen zwischen dem Wasserturm und der Treppe hin und her.

Aus dem belebten Bereich entferne ich mich gar nicht, und trotzdem spricht mich wieder jemand an. Eine Frau kommt die Straße, die um den Wasserturm herumführt, hoch und fragt, wohin ich ginge. Nirgends, sage ich, ich gehe gleich die Treppe wieder runter. Ok, sagt sie, geh aber nicht weiter in diese Richtung.
Alter Schwede. Don’t go over the hill ist definitiv nicht nur eine Floskel.


Wieder die Treppe runter, immer schön eine Hand am Geländer, dann wieder zurück downtown, diesmal auf direktem Wege ohne Abbiegen. An der Straße, die von hier hinunter zum Hafen führt, liegen weitere administrative Gebäude, die Gegend hier ist definitiv gut bewacht, vor jedem Haus Security.
Einer der Wachleute ist dann der nächste, der mich anspricht. Ob ich spazierengehe in Nassau, fragt er mich, und ob mir die Treppe gefallen habe. Von welchem Schiff kommst du? Fragt er. Von keinem, antworte ich, wir wohnen im Hotel und morgen fliegen wir weiter nach Andros. Aaah, Andros, tönt es, zwanzig mal größer als New Providence, wußtest du das? Ja, sage ich, wußte ich. Stimmt ja inzwischen auch.
Kaum besiedelt und fast keine Touristen. Wußtest du das? Ja, wußte ich.
Wunderschön da, die schönste Insel der Bahamas. Ich glaube auch, sage ich.
Er wünscht mir dann eine tolle Zeit und gute Reise. Trotzdem hat sich das Gespräch gerade angefühlt wie der berühmte Glitch in der Matrix.
Inzwischen ist es früher Nachmittag geworden und die Straßen sind leer. Das bedeuteten freien Blick auf die Häuser rings um die historische Downtown, von denen ich dank eines Buches recht konkrete Vorstellungen habe.
Die wunderschönen Bildbände des schon vor über einem Vierteljahrhundert verstorbenen Graham Byfield heute nur noch antiquarisch zu bekommen und waren eine Zeitlang so begehrt, daß es eine ganze Reihe von Videos gibt, in denen jemand das Buch einfach nur durchblättert. Auch von der Bahamas-Ausgabe gibt es so eins:
https://www.youtube.com/watch?v=ijLsjn4zhY4
Das Buch besitze ich schon lange, aber jetzt vor der Reise war es mit seinen vielen Informationen und historischen Zusammenhängen manchmal eine bessere Vorbereitung als mancher moderne Reiseführer.
Vor allem eine der kleineren Abbildungen, das Haus mit den ungewöhnlichen Formen, gefiel mir besonders, und auch zu diesem gibt es im Buch eine Adreßangabe, die sich glücklicherweise diesseits des Hügels befindet. Das Carey House, ein kleines blaues Holzhaus, das von der Form her an das erinnert, was sie in den USA Dutch Colonial nennen:

Ob es wohl noch steht? Die Straße, in der das Haus zumindest in den 80er Jahren gestanden hat, als das Buch entstand, verläuft parallel zur Bay Street. Hier ist es aber vollkommen ruhig, keine Souvenirshops, dafür schöne alte Holzvillen, für die allein es sich schon gelohnt hat, hier mal langzugehen.


Aber ich muß gar nicht weit laufen, da erkenne ich das Carey House schon von weitem.

Im Vergleich zur Abbildung im Buch allerdings schon arg verändert. Als Graham Byfield es gemalt hat, war es bereits 100 Jahre alt, allerdings noch bewohnt und gepflegt, jetzt ist es vermutlich schon lange verlassen. Eine Monstera hat die halbe Haushälfte erobert und überwuchert. Vor den Fensterläden große Vorhängeschlösser, die verhindern, daß es vollständig zum Lost Place wird. Ich wäre aber auch ohne nicht hineingegangen.

Ich finde es immer noch schön, der morbide Charme des Verfalls. Die Empfindungen, die ich beim Betrachten habe, sind ähnlich wie in Stiltsville, etwas melancholisch. Über 120 Jahre hat es hier schon gestanden, jetzt ist das Ende abzusehen.
Ein alter Mann auf einem Fahrrad kommt vorbei und hält sofort an, als er mich das haus betrachten sieht. Er bestätigt mir, daß das Haus schon seit Jahren verlassen sei. Da käme auch niemand mehr. Daß es abgerissen würde, glaubt er nicht, es wird wohl einfach irgendwann in sich zusammenfallen.
Trotzdem schön, hier zu sein und das Haus, dessen Bild ich im Buch so oft angeschaut habe, jetzt wirklich zu sehen. Irgendwie seltsam auch und beim Weggehen muß ich mich noch dreimal umdrehen. Wer weiß, ob ich jemals wieder hierher komme.

Viele andere Häuser in Nassau sind gut gepflegt und erhalten. Wenn man in die Seitenstraßen hineingeht, sind die Fotomotive quasi unendlich.

Besonders freue ich mich, daß ich irgendwann an einem Laden vorbeikomme, der Junkanoo-Kostüme verkauft. Die sind vermutlich nicht so prächtig wie das, was man im entprechenden Museum zu sehen bekommen hätte, aber dafür ist das hier ein echter Laden, in dem sich die Locals vermutlich für die nächste Parade am Boxing Day einkleiden.

So arbeite ich mich langsam wieder zur Bay Street zurück und dann hinein in den Straw Market. Heute am Sonntag sind viele Stände unbesetzt und mit Plastikplanen abgehängt, was der ganzen Angelegenheit etwas Ungemütliches gibt.

Draußen vor dem Gebäude gefällt es mir besser und hier finde ich dann auch zwei Kühlschrankmagneten. Einen mit Bahamas-Schriftzug und einen älteren mit dem Coats of Arms, der schon ein bißchen angerostet ist, was aber gut paßt. Dafür möchte er so einen Phantasiepreis, daß ich spontan lachen muß, woraufhin der Preis sofort um zwei Drittel fällt.
Von welchem Schiff ich käme, fragt er. Von keinem, sage ich, wir sind hier im Hotel und lasse weg, daß wir morgen nach Andros fliegen. Wenn ich das selbe Gespräch nochmal hätte führen müssen, hätte ich wohl gefragt, ob ich jetzt bitte die rote Pille haben kann.
Die letzten Meter zurück zum Hotel ziehen sich, denn ich habe Gegenverkehr. Wir erinnern uns, wie der Tag begann? Die fröhliche Kreuzfahrerkarawane auf dem Weg zum Junkanoo-Beach? Genau. Das war heute Morgen.
Jetzt ist Schichtwechsel, einige der Pötte haben bereits getrötet, wie im Theater, wenn zum Ende der Pause geklingelt wird. Und alle, alle kommen sie mir jetzt entgegen, nur der Anblick hat sich ein wenig verändert. Puterrot im Gesicht, die Kinder schlafend in den Armen der Mütter, der Vater behängt mit Poolnudeln, aufgeblasenen Einhörnern und Beuteln voller Förmchen, schleppen sie sich voran. Der Weg vom Junkanoo Beach bis zu ihrem Schiff muß ihnen endlos vorkommen.
Es sieht fast so aus, als wolle der gute alte Woodes Rogers auf seinem Sockel vorm Hotel ihnen einen aufmunternden Klaps verpassen. Hurtig, hurtig, das Schiff wartet nicht!

Windig ist es in Nassau:

Man hat, wenn man sich an den Angaben der Reiseführer und des Internets orientiert, von unserem Hotel aus eigentlich genau drei Möglichkeiten. Entweder man marschiert nach Westen vorbei am Junkanoo Beach, dem beliebten öffentlichen Strand Nassaus, vorbei zum großen Food-Market, den unser Taxifahrer uns empfohlen hat.
Oder man biegt hier an der Kreuzung nach rechts ab. Den Hügel hinauf gibt es ein paar relativ touristische Straßenzüge mit vermutlich vergleichsweise authentischen bahamesischen Einrichtungen. Rum-Distillerien, Zigarrenfabriken, Herbal Teas. Außerdem die Nationalgalerie der Bahamas und das Junkanoo-Museum, in dem man sich über das Herzstück bahamesischer Kultur informieren kann.

Oder man biegt nach links ab, in Richtung Cruise Port und läuft entlang der nicht ganz so authentischen Souvenirmeile gegenüber vom historischen Straw Market, wo man vom Kühlschrankmagneten bis zum T-Shirt jedes nur erdenkliche Souvenir bekommt.

Egal, für welche Richtung man sich entscheidet, es ist immer nur wenige Blocks weit, die man in die Stadt vordringt, denn es gibt eine Grundregel für Nassau, und daß diese auch tatsächlich ernst genommen wird, werde ich an diesem Tag mehrmals erfahren: Don’t go over the hill!
Wer unsere Reiseberichte bis jetzt verfolgt hat, wird vielleicht annehmen, daß ich dem Viertel mit den Museen und den Rum-Distillerien den Vorzug gebe, aber tatsächlich wähle ich die Route hinunter zum Hafen und in die Souvenirmeile mit ihrem Kitsch und Tand.
Das hat zwei Gründe. Zum einen möchte ich tatsächlich ein bißchen Kitsch kaufen, ein Kühlschrankmagnet ist sowieso ein Muß. Aber wer erinnert sich noch an die T-Shirts mit dem „It’s better in the Bahamas“-Aufdruck, mit denen früher glückliche Bahamas-Touristen nach Hause kamen? So eins will ich unbedingt auch.
Aber wichtiger ist, daß sich hinter der Souvenirmeile in der Bay Street die historische Downtown mit ihrer Kolonialarchitektur des 18. und 19. Jahrhunderts anschließt und man sowieso in diese Richtung muß, um zur Queens Staircase zu kommen.
Mein Versuch, nach links aus dem Hotelgelände auf die Straße zu treten ist aber erstmal überhaupt nicht von Erfolg gekrönt. Vor dem Hotel bewegt sich auf den überall in der Stadt sehr schmalen Fußwegen eine endlose Abfolge von Menschen im Gänsemarsch nach rechts. Man muß kein Hellseher sein, um zu erkennen, daß das Kreuzfahrer sind, die den Tag am Junkanoo Beach verbringen wollen, der vom Hafen aus gesehen hinter dem British Colonial liegt und um daß sie somit einmal herum müssen. Behängt mit Taschen und aufblasbarem Strandzeugs, zumeist ein oder zwei Kinder im Schlepptau, marschieren sie mit vor Vorfreude leuchtenden Gesichtern zügig am Hotel vorbei. Wir behalten dieses Bild mal bis heute Abend im Hinterkopf…
Es dauert tatsächlich über eine Minute, bis sich in der Karawane eine Lücke auftut. Die Zeit nutze ich, um sicherheitshalber das Transponder-Armband mit British Colonial Emblem, mit dem man hier die Türen und Fahrstühle bedient, vom Handgelenk zu friemeln und in der Tasche verschwinden zu lassen. Ich bin zwar nicht übermäßig ängstlich was Nassau betrifft, aber man muß ja auch nix provozieren.
Gleich am Anfang der Bay Street das Museum of Slavery and Emancipation, das ich zwar nicht besuche, das aber eigentlich schon aufgrund seiner Bezeichnung interessant ist. Denn die Geschichte der Abschaffung der Sklaverei auf den Bahamas unterscheidet sich von der anderer Länder und hat – auch wenn das zunächst makaber klingen mag – fast schon eine humoristische Note.

Bis zur Boston Tea Party waren die Bahamas ein verschlafener Haufen staubiger Inseln, auf denen ein paar aus England eingewanderte Pflanzer versuchten, dem Boden etwas abzuringen. Mit Beginn des Unabhängigkeitskrieges änderte sich das und ein wahrer Run britischer Loyalisten aus den amerikanischen Kolonien auf die Bahamas setzte ein.
Nicht nur daß diese, die zum Teil große, ertragreiche Plantagen in den Südstaaten aufgegeben hatten, lernen mußten, daß der Boden der Bahamas bei weitem nicht gut genug ist, um große Pflanzungen gewinnbringend zu betreiben. Auch das mit der Sklavenhaltung klappte überhaupt nicht so wie erwünscht. Schon 1807 kam es in England zum Slave Trade Act und zur Freilassung aller nach diesem Zeitpunkt aus Afrika verbrachten Sklaven. Diese gingen somit nach Ankunft der Schiffe im Zielland nicht mehr in den Besitz eines Ankäufers über, sondern wurden als freie Menschen im Land aufgenommen. Was zu der unangenehmen Situation führte, daß parallel im Land freie schwarze Menschen neben Sklaven lebten. Konflikte und regelmäßige Aufstände blieben somit nicht aus und 30 Jahre später kam es dann in allen britischen Kolonien zur vollständigen Abschaffung der Sklaverei.
Mehrere Jahrzehnte eher als in den inzwischen unabhängigen amerikanischen Kolonien also. Dumm gelaufen für die Pflanzer, die, wären sie in Amerika geblieben, noch dreißig Jahre länger ihren Lebensstil hätten aufrecht erhalten können. Ein wahrer Treppenwitz der Geschichte.
Nachdem ich in drei T-Shirt- und Flipflops-Läden nach T-Shirts mit Aufdruck gefragt habe, muß ich feststellen: Der Slogan „It’s better in the Bahamas“ ist out. Schade, aber nicht zu ändern.
Die Auswahl an Geschäften ist enorm, die Billig-Klamottenläden teilen sich den Straßenzug mit Luxusmarken, in denen sich auch tatsächlich einige Kundschaft tummelt. Schmuck, Parfümerien, Markenboutiquen.
Was ich auch nicht bekomme, ist Steel Drum Musik. Eigentlich sollten hier unter den Arkaden vor den Shops Live-Musiker anzutreffen sein, aber leider nicht heute, vielleicht, weil Sonntag ist. Auch ich höre, genau wie der Ehemann, Steel Drum Musik nur vom Band aus dem Lautsprecher, entweder hier oder auf dem Klo in der Lobby des British Colonial.
Na gut, dann gibt’s als musikalische Untermalung zum Thema Nassau eben ein bißchen Calypso:
https://www.youtube.com/watch?v=dDkjFc6 ... rt_radio=1
Als ich die Shoppingmeile einmal abgelaufen habe, schlage ich mich seitwärts in die Stadt, von jetzt an geht es immer leicht bergauf, Richtung des Höhenzugs, der die Stadt einmal in Go und in Nogo-Area teilt.

Ein paar verfallene Häuser und Ruinen gibt es auch hier,

aber der größte Teil der Häuser ist sehr gut erhalten und gepflegt.

Ab jetzt sind kaum noch Touristen zu Fuß unterwegs, eigentlich nur noch Einheimische, die aus verschiedenen Gründen Schlips und Kragen tragen.


Und für Sicherheit ist gesorgt. Die vorherrschenden Farben in Nassau sind rosa, hellblau und türkis. Selbst hier.

Während ich die Parlamentsgebäude fotografiere, werde ich von einem Ehepaar angesprochen, die gegenüber das Olde Nassau Café betreiben.

Von welchem Schiff kommst du, fragt er mich. Die Frage erscheint berechtigt, denn egal von welchem Punkt aus, die historische Downtown wird von den Schiffen überall überragt.

Von keinem, sage ich, wir wohnen im Hotel und bleiben zwei Nächte, damit wir ein bißchen Nassau anschauen können. Das freut ihn, Nassau sei schön und er findet es schade, daß die meisten gar nicht über die Bay Street hinauskommen. Wo wir danach hinfahren, fragt er, Exumas, Schwimmen mit Schweinen? Auf gar keinen Fall, antworte ich, wir gehen nach Andros, Wandern und Schnorcheln.
Na, jetzt sind sie ja beide völlig aus dem Häuschen. Wobei seine Frau keinen Ton von sich gibt, aber mit Kopfnicken quasi Ausrufezeichen hinter alles setzt, was er zu deklamieren beginnt.
Die größte Insel der Bahamas! Zwanzig mal größer als New Providence, ob ich das gewußt hätte?!! Wußte ich nicht.
Kaum erschlossen, dünn besiedelt und so gut wie kein Tourismus!!! Wußte ich.
Mehr Blue Holes als sonstwo auf der Welt!!! Wußte ich auch.
Landschaftlich wun-der-schön!!! Das werden wir hoffentlich bald wissen.
Sie wünschen mir ganz viel Spaß und daß mir Andros so gut gefällt wie ich erhoffe. Wäre ihr Café schon geöffnet, wäre ich direkt mal auf einen Kaffee geblieben, der Laden sieht gemütlich aus. Aber eigentlich habe ich keine Zeit und noch viel vor.
Neben dem Parliament Square die Bibliothek der Bahamas, rosa wie die Parlamentsgebäude, eine Rotunde mit Kuppel und umlaufender Veranda. Wunderhübsch von außen und sicher auch von innen, aber heute ist ja Sonntag und so komme ich nicht hinein.

Dies ist ein Foto von der Rückseite. Daß es keins von der hübscheren Vorderseite gibt, liegt daran, daß der Blick auf das Haus komplett durch eine Hochzeitsgesellschaft versperrt ist, die sich im Garten vor dem Eingang die Zeit mit Posieren und Fotografieren vertreibt.
Eigentlich, so nehme ich an, ist ihr Ziel die direkt nebenan gelegene Baptistenkirche, ein gewaltiger Bau mit großer Freitreppe, auf der sich gerade die letzte Versammlung aufzulösen beginnt, eine Trauergesellschaft.

Die Damen sind dressed to the nines, klassische Eleganz vorherrschend, egal ob nun in schwarzer oder weißer Kleidung. Etuikleider, doppelreihige Perlenketten; an Kopfbedeckungen ist vom winzigen Fascinator bis zum Hut in Wagenradgröße alles vertreten. Man könnte sie alle nehmen und auf die Haupttribüne von Ascot beamen, sie wären optisch genau am richtigen Platz.
An der Kirche vorbei geht es weiter den Hügel hinauf zur Queens Staircase. Es ist nicht der direkte Weg, sondern mit einmal Abbiegen verbunden, von hier aus aber der kürzere. Würde man die Abzweigung verpassen und weiter geradeauslaufen, käme man dorthin, wo man nicht hin soll, nämlich over the hill. Ich bin noch nicht weit gegangen, als ich erneut angesprochen werde, diesmal von einem Vater mit zwei kleinen Jungs im Schlepptau.
Hey, fragt er, wohin bist du unterwegs? Queens Staircase, sage ich. Das geht da vorn nach links rein, meint er, nicht weiter geradeausgehen, ok?
Oha, denke ich im Stillen, an der Sache mit „over the hill“ ist hier aber definitiv etwas dran, und bedanke mich. Ich wußte zwar, wo ich lang muß, schätze die Fürsorge aber trotzdem.
Bevor man die berühmte Treppe erreicht, passiert man den Parkplatz, auf dem vermutlich sämtliche Reisebusse der Bahamas gleichzeitig Platz finden würden. Die Queens Staircase ist die meistbesuchte Sehenswürdigkeit und offenbar kommen die wenigsten Leute zu Fuß hier herauf.
Dahinter auf der Anhöhe des Bennet‘s Hill (also dem berüchtigten „Hill“), liegt das Fort Fincastle, gebaut im späten 18. Jahrhundert als Schutz vor Piratenüberfällen.

Das Fort ist schon lange geschlossen und kann nicht von innen besichtigt werden, aber die Kanonen stehen dort und man hat einen tollen Blick hinüber nach Paradise Island.

Wenn man auf der anderen Seite nach Süden hinunterblickt geht es also in jeder Hinsicht sprichwörtlich abwärts. Das sind also die Viertel over the hill. Ich kann so aus meiner Perspektive hier gar nichts Bedrohliches erkennen, weiß aber auch nicht, was ich zu sehen erwartet habe. Weder stehen hier halb verfallene Wellblechhütten, noch sitzen Menschen, denen die Crackpfeife aus dem Mund oder die Nadel im Arm hängt, vor offenen Lagerfeuern. Ich sehe nicht mal Müll herumliegen. Eigentlich sieht es friedlich und still und ganz ordentlich aus, aber das wird täuschen. Vermutlich ist die ganze Gegend hier Gang-controlled. Es wird schon etwas dran sein an der Warnung des Vaters vor ein paar Minuten.

Von hier oben kann man auch schon in den ehemaligen Steinbruch hineinschauen, aus dem man später die Treppe zu Ehren Königin Victorias herausgeschlagen hat.

Im Steinbruch selbst ist es viel schöner, als ich erwartet habe. Trotz der Menschenmassen.

Am Eingang bieten Guides ihre Dienste an und manche Besucher nehmen das auch in Anspruch. Auch einen selbsternannten Fotografen gibt es, dessen Dienstleistung darin besteht, mit dem eigenen Handy des Touristen Fotos von ihm und seinen Begleitern zu machen. Die Gesichtsausdrücke, mit denen die Besucher auf die ausgestreckte Hand, mit der er zur Herausgabe der Smartphones auffordert, reagieren, sind der Brüller. Natürlich bekommt er kein einziges Handy, und wenn er weitergeht, hört man die Leute leise murmeln, ob er sich wohl ernsthaft einbilde, man wolle ihn dann damit rennen sehen?

Ich bleibe eine Weile hier, setze mich neben den Wasserfall und genieße die Verdunstungskälte. Es ist wie in einem Gewächshaus, nur ohne Glasdach. Die mit Moosen und Farnen bewachsenen Wände des Steinbruchs geben einen Geruch ab, den man einfach nur als „grün“ bezeichnen kann. Manche würden es vielleicht auch muffig nennen.

Nachdem ich mich ein bißchen ausgeruht habe, nehme ich die Treppe in Angriff. Mit mir unterwegs ist eine Gruppe US-Amerikanerinnen, die oben angekommen genauso fertig sind wie ich.

Die Treppe ist viel steiler als sie aussieht und wir stehen oben und ringen gemeinsam nach Atem und amüsieren uns über unsere fehlende Fitness.
Bevor ich da wieder runtersteige muß ich unbedingt etwas trinken. Verkaufsstände gibt es genug, überall sitzen einheimische Frauen und verkaufen bahamesische Limonade. Ich kaufe eine Flasche und während ich die trinke, spaziere ich ein bißchen zwischen dem Wasserturm und der Treppe hin und her.

Aus dem belebten Bereich entferne ich mich gar nicht, und trotzdem spricht mich wieder jemand an. Eine Frau kommt die Straße, die um den Wasserturm herumführt, hoch und fragt, wohin ich ginge. Nirgends, sage ich, ich gehe gleich die Treppe wieder runter. Ok, sagt sie, geh aber nicht weiter in diese Richtung.
Alter Schwede. Don’t go over the hill ist definitiv nicht nur eine Floskel.


Wieder die Treppe runter, immer schön eine Hand am Geländer, dann wieder zurück downtown, diesmal auf direktem Wege ohne Abbiegen. An der Straße, die von hier hinunter zum Hafen führt, liegen weitere administrative Gebäude, die Gegend hier ist definitiv gut bewacht, vor jedem Haus Security.
Einer der Wachleute ist dann der nächste, der mich anspricht. Ob ich spazierengehe in Nassau, fragt er mich, und ob mir die Treppe gefallen habe. Von welchem Schiff kommst du? Fragt er. Von keinem, antworte ich, wir wohnen im Hotel und morgen fliegen wir weiter nach Andros. Aaah, Andros, tönt es, zwanzig mal größer als New Providence, wußtest du das? Ja, sage ich, wußte ich. Stimmt ja inzwischen auch.
Kaum besiedelt und fast keine Touristen. Wußtest du das? Ja, wußte ich.
Wunderschön da, die schönste Insel der Bahamas. Ich glaube auch, sage ich.
Er wünscht mir dann eine tolle Zeit und gute Reise. Trotzdem hat sich das Gespräch gerade angefühlt wie der berühmte Glitch in der Matrix.
Inzwischen ist es früher Nachmittag geworden und die Straßen sind leer. Das bedeuteten freien Blick auf die Häuser rings um die historische Downtown, von denen ich dank eines Buches recht konkrete Vorstellungen habe.
Die wunderschönen Bildbände des schon vor über einem Vierteljahrhundert verstorbenen Graham Byfield heute nur noch antiquarisch zu bekommen und waren eine Zeitlang so begehrt, daß es eine ganze Reihe von Videos gibt, in denen jemand das Buch einfach nur durchblättert. Auch von der Bahamas-Ausgabe gibt es so eins:
https://www.youtube.com/watch?v=ijLsjn4zhY4
Das Buch besitze ich schon lange, aber jetzt vor der Reise war es mit seinen vielen Informationen und historischen Zusammenhängen manchmal eine bessere Vorbereitung als mancher moderne Reiseführer.
Vor allem eine der kleineren Abbildungen, das Haus mit den ungewöhnlichen Formen, gefiel mir besonders, und auch zu diesem gibt es im Buch eine Adreßangabe, die sich glücklicherweise diesseits des Hügels befindet. Das Carey House, ein kleines blaues Holzhaus, das von der Form her an das erinnert, was sie in den USA Dutch Colonial nennen:

Ob es wohl noch steht? Die Straße, in der das Haus zumindest in den 80er Jahren gestanden hat, als das Buch entstand, verläuft parallel zur Bay Street. Hier ist es aber vollkommen ruhig, keine Souvenirshops, dafür schöne alte Holzvillen, für die allein es sich schon gelohnt hat, hier mal langzugehen.


Aber ich muß gar nicht weit laufen, da erkenne ich das Carey House schon von weitem.

Im Vergleich zur Abbildung im Buch allerdings schon arg verändert. Als Graham Byfield es gemalt hat, war es bereits 100 Jahre alt, allerdings noch bewohnt und gepflegt, jetzt ist es vermutlich schon lange verlassen. Eine Monstera hat die halbe Haushälfte erobert und überwuchert. Vor den Fensterläden große Vorhängeschlösser, die verhindern, daß es vollständig zum Lost Place wird. Ich wäre aber auch ohne nicht hineingegangen.

Ich finde es immer noch schön, der morbide Charme des Verfalls. Die Empfindungen, die ich beim Betrachten habe, sind ähnlich wie in Stiltsville, etwas melancholisch. Über 120 Jahre hat es hier schon gestanden, jetzt ist das Ende abzusehen.
Ein alter Mann auf einem Fahrrad kommt vorbei und hält sofort an, als er mich das haus betrachten sieht. Er bestätigt mir, daß das Haus schon seit Jahren verlassen sei. Da käme auch niemand mehr. Daß es abgerissen würde, glaubt er nicht, es wird wohl einfach irgendwann in sich zusammenfallen.
Trotzdem schön, hier zu sein und das Haus, dessen Bild ich im Buch so oft angeschaut habe, jetzt wirklich zu sehen. Irgendwie seltsam auch und beim Weggehen muß ich mich noch dreimal umdrehen. Wer weiß, ob ich jemals wieder hierher komme.

Viele andere Häuser in Nassau sind gut gepflegt und erhalten. Wenn man in die Seitenstraßen hineingeht, sind die Fotomotive quasi unendlich.

Besonders freue ich mich, daß ich irgendwann an einem Laden vorbeikomme, der Junkanoo-Kostüme verkauft. Die sind vermutlich nicht so prächtig wie das, was man im entprechenden Museum zu sehen bekommen hätte, aber dafür ist das hier ein echter Laden, in dem sich die Locals vermutlich für die nächste Parade am Boxing Day einkleiden.

So arbeite ich mich langsam wieder zur Bay Street zurück und dann hinein in den Straw Market. Heute am Sonntag sind viele Stände unbesetzt und mit Plastikplanen abgehängt, was der ganzen Angelegenheit etwas Ungemütliches gibt.

Draußen vor dem Gebäude gefällt es mir besser und hier finde ich dann auch zwei Kühlschrankmagneten. Einen mit Bahamas-Schriftzug und einen älteren mit dem Coats of Arms, der schon ein bißchen angerostet ist, was aber gut paßt. Dafür möchte er so einen Phantasiepreis, daß ich spontan lachen muß, woraufhin der Preis sofort um zwei Drittel fällt.
Von welchem Schiff ich käme, fragt er. Von keinem, sage ich, wir sind hier im Hotel und lasse weg, daß wir morgen nach Andros fliegen. Wenn ich das selbe Gespräch nochmal hätte führen müssen, hätte ich wohl gefragt, ob ich jetzt bitte die rote Pille haben kann.
Die letzten Meter zurück zum Hotel ziehen sich, denn ich habe Gegenverkehr. Wir erinnern uns, wie der Tag begann? Die fröhliche Kreuzfahrerkarawane auf dem Weg zum Junkanoo-Beach? Genau. Das war heute Morgen.
Jetzt ist Schichtwechsel, einige der Pötte haben bereits getrötet, wie im Theater, wenn zum Ende der Pause geklingelt wird. Und alle, alle kommen sie mir jetzt entgegen, nur der Anblick hat sich ein wenig verändert. Puterrot im Gesicht, die Kinder schlafend in den Armen der Mütter, der Vater behängt mit Poolnudeln, aufgeblasenen Einhörnern und Beuteln voller Förmchen, schleppen sie sich voran. Der Weg vom Junkanoo Beach bis zu ihrem Schiff muß ihnen endlos vorkommen.
Es sieht fast so aus, als wolle der gute alte Woodes Rogers auf seinem Sockel vorm Hotel ihnen einen aufmunternden Klaps verpassen. Hurtig, hurtig, das Schiff wartet nicht!


